Fallkonzeption in der Verhaltenstherapie: Aufbau und Beispiel

Stand: Oktober 2026 · Lesezeit ca. 8 Minuten

Eine Fallkonzeption ist das individuelle Erklärungsmodell eines Falls und der Behandlungsplan, der daraus folgt. In der Verhaltenstherapie verbindet sie die Beschreibung der Probleme mit dem funktionalen Bedingungsmodell, den Zielen und den geplanten Methoden. Sie ist Arbeitsgrundlage für Behandlung und Supervision und liefert den Stoff für die Abschnitte zu Störungsmodell und Behandlungsplan im Bericht an die Gutachterin oder den Gutachter. Dieser Beitrag zeigt die Bausteine und ein durchgehendes, frei erfundenes Beispiel.

Hinweis: Das Beispiel unten ist vollständig fiktiv. Es zeigt die Form einer Fallkonzeption, keine fachliche Empfehlung für einen Einzelfall. Wo und wie ausführlich das Modell im Bericht steht, regelt der aktuelle Leitfaden zum Formular PTV 3.

Die Bausteine im Überblick

Bausteine einer verhaltenstherapeutischen Fallkonzeption
BausteinLeitfrage
ProblembeschreibungWelche Probleme, auf welchen Ebenen, wie oft, wie stark, seit wann?
Lebensgeschichte und KrankheitsanamneseWelche Lernerfahrungen und Ereignisse sind für das Problem bedeutsam?
MikroanalyseWas geschieht in einer typischen Problemsituation (SORKC)?
MakroanalyseWas macht anfällig, was hat ausgelöst, was hält aufrecht?
Ressourcen und MotivationWorauf kann die Behandlung aufbauen, was spricht für Veränderung?
DiagnoseWelche Diagnose nach ICD-10-GM ergibt sich aus Beschreibung und Befund?
ZieleWas soll sich beobachtbar ändern?
Behandlungsplan und PrognoseWelche Methoden setzen an welchen Bedingungen an, und wie realistisch ist die Veränderung?

Schritt für Schritt

  1. Probleme beschreiben, nicht deuten. Halten Sie fest, was die Person erlebt und tut, getrennt nach kognitiver, emotionaler, physiologischer und motorischer Ebene. Häufigkeit, Intensität und Dauer machen die Beschreibung prüfbar, ebenso Fragebogenwerte mit Instrument und Datum.
  2. Eine typische Situation analysieren. Wählen Sie eine konkrete, kürzlich erlebte Situation und zerlegen Sie sie nach dem SORKC-Schema. Die Bestandteile erklärt der Beitrag Verhaltensanalyse im Bericht.
  3. Die Lebensgeschichte auf das Modell beziehen. Ordnen Sie biografische Angaben als prädisponierende, auslösende und aufrechterhaltende Bedingungen. Was keiner Gruppe zuzuordnen ist, gehört meist nicht in den Bericht.
  4. Ressourcen benennen. Fähigkeiten, Beziehungen, frühere Bewältigung. Sie stützen die Prognose und oft auch die Methodenwahl.
  5. Ziele aus dem Modell ableiten. Jede aufrechterhaltende Bedingung legt ein Ziel nahe. Formulieren Sie es so, dass sich später prüfen lässt, ob es erreicht wurde.
  6. Methoden begründen. Zu jedem Ziel die Methode, die an der jeweiligen Bedingung ansetzt, dazu Frequenz und beantragter Umfang.
  7. In der Supervision prüfen. Passt die Diagnose zur Beschreibung? Erklärt das Modell die beobachteten Situationen? Folgen Ziele und Methoden aus dem Modell?

Ein fiktives Beispiel: depressive Symptomatik nach Arbeitsplatzverlust

Alle Angaben sind erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen wären zufällig.

Problembeschreibung

Ein 38-jähriger Mann berichtet seit etwa fünf Monaten über gedrückte Stimmung, Antriebsmangel und Grübeln über die eigene Zukunft. Er verbringt einen Großteil des Tages zu Hause, hat Treffen mit Freunden und seinen Sport aufgegeben und schiebt Bewerbungen auf. Kernsatz aus der zweiten probatorischen Sitzung: „Es hat ja doch keinen Sinn, die nehmen sowieso jemand anderen.“ Der PHQ-9-Summenwert lag zu Beginn der Probatorik bei 14 Punkten (fiktiver Wert). Suizidale Gedanken verneint er im Gespräch glaubhaft (fiktiv).

Mikroanalyse einer typischen Situation

  • S: Montagvormittag allein in der Wohnung, eine Stellenanzeige liegt geöffnet auf dem Laptop.
  • O: Grundannahme „Ich bin nur etwas wert, wenn ich etwas leiste“; nach eigenen Angaben seit der Schulzeit hohe Leistungsansprüche im Elternhaus.
  • R kognitiv: „Das schaffe ich sowieso nicht.“ R emotional: Niedergeschlagenheit, Scham. R physiologisch: Schweregefühl, Müdigkeit. R motorisch: klappt den Laptop zu, legt sich hin, grübelt.
  • K: Die Entlastung tritt beim Abbrechen sofort und regelmäßig ein.
  • C kurzfristig: Die Anspannung sinkt, eine mögliche Absage bleibt aus (C/−, negative Verstärkung). C langfristig: Keine Bewerbung, keine Erfolgserlebnisse, weniger angenehme Aktivitäten, die Grundannahme bestätigt sich (C−).

Makroanalyse

  • Prädisponierend: leistungsbezogene Selbstbewertung, gelernt im Elternhaus; schon im Studium Phasen von Rückzug bei Prüfungsdruck, ohne dass damals eine depressive Episode festgestellt wurde.
  • Auslösend: betriebsbedingte Kündigung vor sechs Monaten, kurz darauf Ende einer langjährigen Partnerschaft.
  • Aufrechterhaltend: sozialer Rückzug und Aufgabe von Sport und Treffen, dadurch Verlust positiver Verstärker; Grübeln statt Handeln; Vermeidung von Bewerbungen, die kurzfristig entlastet.

Das Modell folgt hier dem verstärkertheoretischen Ansatz der Depression nach Lewinsohn, ergänzt um eine kognitive Grundannahme. Entscheidend für den Bericht ist nicht der Name des Modells, sondern dass jede genannte Bedingung in der Mikroanalyse wieder auftaucht.

Ressourcen und Motivation

Abgeschlossene Ausbildung und langjährige Berufserfahrung, ein Freund, mit dem weiterhin Kontakt besteht, frühere sportliche Routine. Er kommt aus eigenem Antrieb und hat zwischen den probatorischen Sitzungen eine vereinbarte Aufgabe erledigt.

Diagnose

Die Diagnose stellt die behandelnde Person nach ICD-10-GM, mit Diagnosesicherheit. Im fiktiven Beispiel könnte sie auf eine mittelgradige depressive Episode lauten; sie muss sich aus Problembeschreibung und Befund nachvollziehbar ergeben.

Ziele, Behandlungsplan und Prognose

Vom Modell zu Zielen und Methoden im fiktiven Beispiel
Aufrechterhaltende BedingungZielAnsatz
Verlust positiver VerstärkerDreimal pro Woche eine geplante Aktivität außer HausAktivitätsaufbau mit Wochenplan
Grübeln statt HandelnGrübelphasen erkennen und nach höchstens 15 Minuten unterbrechenSelbstbeobachtung, Umgang mit Grübeln
Leistungsbezogene GrundannahmeEigenen Wert nicht nur an Leistung messen, belegt durch Einträge im TagebuchKognitive Umstrukturierung
Vermeidung von BewerbungenEine Bewerbung pro WocheGestufte Aufgaben, Problemlösetraining

Die Methodenwahl begründet die Therapeutin oder der Therapeut im Einzelfall. Die Prognose stützt sich im Beispiel auf die eigene Motivation, die erledigte Aufgabe in der Probatorik und die Ressourcen; dagegen sprechen die anhaltende Belastung durch Arbeitslosigkeit und das früh gelernte Rückzugsmuster. Beides gehört in eine begründete Einschätzung.

Von der Fallkonzeption zum Bericht

Die Fallkonzeption ist ausführlicher als der Bericht. Für den Bericht nach dem Leitfaden zum PTV 3 verteilen sich die Bausteine etwa so:

  • Problembeschreibung und Fragebogenwerte → Abschnitt 2, Symptomatik und psychischer Befund
  • Lebensgeschichte, Mikro- und Makroanalyse → Abschnitt 4, Lebensgeschichte, Krankheitsanamnese und Störungsmodell
  • Diagnose → Abschnitt 5
  • Ziele, Methoden, Ressourcen und Prognose → Abschnitt 6, Behandlungsplan und Prognose

Wie die Abschnitte im Einzelnen aussehen, zeigt der Beitrag PTV3-Bericht: Aufbau und Gliederung. Für Psychotherapeut:innen in Ausbildung beschreibt der Leitfaden für PiA, wie die Fallkonzeption mit der Supervision zum Bericht wird.

Häufige Schwächen

  • Modell ohne Situation: Eine Makroanalyse, aber keine konkrete Situation, an der sie sichtbar wird.
  • Biografie als Aufzählung: Lebensereignisse ohne Zuordnung zu prädisponierenden, auslösenden oder aufrechterhaltenden Bedingungen.
  • Ziele ohne Modellbezug: Ziele, die keine der genannten Bedingungen aufgreifen.
  • Methoden als Liste: Verfahren ohne Begründung, warum sie hier ansetzen.
  • Ressourcen vergessen: Die Prognose wird behauptet, statt sich auf Ressourcen und bisherige Veränderungen zu stützen.

Wie Software dabei helfen kann

Für eine Fallkonzeption brauchen Sie Ihre Beobachtungen aus mehreren Sitzungen an einer Stelle. Der Antrags-Copilot führt die Fallakte mit datierten Sitzungsnotizen und Fragebogenwerten und ordnet Ihre eigenen Aufzeichnungen in die Gliederung des PTV 3, mit der Quelle an jedem Satz. Das Bedingungsmodell, die Diagnose und den Behandlungsplan formulieren Sie selbst; die Software stellt keine Diagnosen und gibt keine Prognosen ab. Wie ein belegter Bericht aussieht, zeigt der Musterbericht zu einem fiktiven Fall.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Fallkonzeption und Verhaltensanalyse?

Die Verhaltensanalyse ist ein Teil der Fallkonzeption. Sie erklärt auf Mikro- und Makroebene, wie das Problemverhalten entsteht und aufrechterhalten wird. Die Fallkonzeption verbindet diese Analyse mit Problembeschreibung, Ressourcen, Diagnose, Zielen, Behandlungsplan und Prognose.

Muss eine Plananalyse in die Fallkonzeption?

Nein, sie ist eine Ergänzung. Eine Plananalyse oder ein schemabezogener Blick hilft, wenn Beziehungsgestaltung und überdauernde Motive für die Behandlung wichtig sind. Ob sie im Bericht erscheint, entscheiden Sie nach dem Fall und nach den Vorgaben des Leitfadens zum PTV 3.

Wie ausführlich gehört die Fallkonzeption in den Bericht?

So knapp wie möglich. Die ausführliche Fassung ist Ihr Arbeitsmaterial und Grundlage für die Supervision. In den Bericht gehört, was das Modell trägt und den Behandlungsplan begründet.

Kurz zusammengefasst

  • Die Fallkonzeption verbindet Problembeschreibung, Bedingungsmodell, Ziele und Behandlungsplan.
  • Mikroanalyse einer konkreten Situation, Makroanalyse mit prädisponierenden, auslösenden und aufrechterhaltenden Bedingungen.
  • Jedes Ziel greift eine Bedingung auf, jede Methode begründet sich aus dem Modell.
  • Ressourcen und belegte Veränderungen tragen die Prognose.

Quellen

  • Kanfer, F. H. und Saslow, G.: Behavioral analysis. An alternative to diagnostic classification. Archives of General Psychiatry, 1965
  • Kanfer, F. H., Reinecker, H. und Schmelzer, D.: Selbstmanagement-Therapie. Ein Lehrbuch für die klinische Praxis, Springer, aktuelle Auflage
  • Lewinsohn, P. M.: A behavioral approach to depression. In: Friedman, R. J. und Katz, M. M. (Hrsg.): The psychology of depression, 1974
  • Caspar, F.: Beziehungen und Probleme verstehen. Eine Einführung in die psychotherapeutische Plananalyse, Hogrefe, aktuelle Auflage
  • Kassenärztliche Bundesvereinigung: Formular PTV 3 mit Leitfaden zur Erstellung des Berichts, aktuelle Fassung, kbv.de
  • BfArM: ICD-10-GM, aktuelle Version, bfarm.de