Verhaltensanalyse im Bericht an den Gutachter: SORKC, Mikro- und Makroebene

Stand: Oktober 2026 · Lesezeit ca. 6 Minuten

In der Verhaltenstherapie trägt die Verhaltensanalyse das funktionale Bedingungsmodell im Bericht an die Gutachterin oder den Gutachter. Sie erklärt auf der Mikroebene, was in einer konkreten Problemsituation geschieht (meist nach dem SORKC-Schema), und auf der Makroebene, wie das Problemverhalten entstanden ist und was es aufrechterhält. Aus beiden zusammen leiten sich Ziele und Methoden ab.

Hinweis: Wo die Verhaltensanalyse im Bericht steht und wie ausführlich sie sein soll, regelt der aktuelle Leitfaden zum Formular PTV 3. Das Beispiel unten ist fiktiv und zeigt nur die Form, keine fachliche Empfehlung für einen Einzelfall.

Die Mikroebene: das SORKC-Schema

Das SORKC-Schema geht auf Kanfer und Saslow zurück und gliedert eine konkrete Situation in fünf Bestandteile:

Bestandteile des SORKC-Schemas
KürzelBedeutungWas hineingehört
SSituation, StimulusÄußere und innere Auslöser: Ort, Personen, Anforderung, auch Gedanken oder Körperempfindungen vor dem Verhalten.
OOrganismusvariableÜberdauernde Voraussetzungen der Person, etwa körperliche Faktoren, Lerngeschichte und überdauernde Grundannahmen.
RReaktionDas Problemverhalten auf vier Ebenen: kognitiv, emotional, physiologisch, motorisch beziehungsweise behavioral.
KKontingenzRegelmäßigkeit, mit der die Konsequenz auf die Reaktion folgt, etwa kontinuierlich oder intermittierend.
CKonsequenzWas auf das Verhalten folgt, getrennt nach kurz- und langfristig: positive Verstärkung (C+), negative Verstärkung durch Wegfall von Unangenehmem (C/−), Bestrafung durch eine aversive Folge (C−) oder durch Verlust von Angenehmem (C/+); „C/“ steht für das durchgestrichene C.

Der Kern für das Störungsmodell liegt meist in den Konsequenzen: Kurzfristig entlastende Folgen erklären, warum ein Verhalten beibehalten wird, obwohl es langfristig schadet.

Ein fiktives Beispiel (soziale Angst)

  • S: Teammeeting, die Leitung fragt in die Runde nach Einschätzungen.
  • O: Grundannahme „Ich muss immer kompetent wirken“; nach eigenen Angaben seit der Schulzeit Erfahrungen, für Wortbeiträge belächelt zu werden.
  • R kognitiv: „Alle merken, dass ich rot werde.“ R emotional: Angst, Scham. R physiologisch: Erröten, Herzklopfen. R motorisch: schweigt, blickt auf die Unterlagen.
  • K: Die Entlastung tritt bei jedem Schweigen sofort ein.
  • C kurzfristig: Die Anspannung sinkt (C/−, negative Verstärkung). C langfristig: Keine korrigierende Erfahrung, die Grundannahme bleibt bestehen, berufliche Nachteile durch fehlende Beiträge (C−).

Im Bericht steht diese Analyse knapp in Fließtext oder als kurze Aufzählung. Hilfreich ist, die Angaben auf datierte Stellen der Akte zu stützen: die wörtliche Aussage aus der Sitzung, die Anspannungswerte aus einem Protokoll, die Situation, an der die Analyse erarbeitet wurde. Der Musterbericht zu einem fiktiven Fall zeigt, wie das mit Quellenangaben aussieht.

Die Makroebene: Entstehung und Aufrechterhaltung

Die Makroebene ordnet das Problemverhalten in die Lebensgeschichte ein. Üblich ist eine Gliederung in drei Gruppen von Bedingungen:

  1. Prädisponierende Bedingungen: überdauernde Vulnerabilität, etwa Lernerfahrungen in der Familie, Modelllernen, körperliche Faktoren.
  2. Auslösende Bedingungen: Ereignisse oder Belastungen, in deren zeitlicher Nähe die Symptomatik begann oder sich verschärfte.
  3. Aufrechterhaltende Bedingungen: was das Verhalten heute stabilisiert, oft die kurzfristigen Konsequenzen aus der Mikroanalyse, dazu Sicherheitsverhalten, Vermeidung oder Reaktionen des Umfelds.

Eine häufige Schwäche ist eine Lebensgeschichte, die Ereignisse nur aufzählt. Schlüssig wird sie, wenn jede genannte Bedingung im Modell eine Rolle spielt und sich in der Mikroanalyse wiederfindet.

Vom Modell zu Zielen und Methoden

Das funktionale Bedingungsmodell begründet den Behandlungsplan. Jede aufrechterhaltende Bedingung legt ein Ziel nahe, jedes Ziel eine Methode. Im fiktiven Beispiel könnte der Behandlungsplan an der negativen Verstärkung durch Schweigen und an der Grundannahme ansetzen; die Methodenwahl begründet die Therapeutin bzw. der Therapeut im Einzelfall. Das Ziel lässt sich beobachtbar fassen („zweimal pro Woche ein Wortbeitrag im Teammeeting“). Ziele, die im Modell keine Grundlage haben, fallen beim Lesen auf. Wie sich der Plan in die Gliederung des Berichts einfügt, beschreibt der Beitrag PTV3-Bericht: Aufbau und Gliederung; den Arbeitsablauf bis zum Versand Bericht an den Gutachter schreiben.

Häufige Schwächen

  • Reaktion nur auf einer Ebene: etwa nur das Vermeidungsverhalten, ohne Kognitionen und körperliche Reaktion.
  • Konsequenzen ohne Zeitbezug: Ohne Trennung in kurz- und langfristig bleibt offen, warum das Verhalten fortbesteht.
  • Makro ohne Mikro: eine ausführliche Biografie, aber keine konkrete Situation, an der das Modell sichtbar wird.
  • Modell und Plan getrennt: Methoden, die aus dem Modell nicht folgen.

Wie Software dabei helfen kann

Für die Verhaltensanalyse brauchen Sie Ihre eigenen Beobachtungen aus mehreren Sitzungen an einer Stelle. Der Antrags-Copilot ordnet Ihre Sitzungsnotizen und Fragebogenwerte in die Gliederung des PTV 3 und zeigt an jedem Satz die Quelle mit Datum. Das Bedingungsmodell, die Diagnose und den Behandlungsplan formulieren Sie selbst; die Software stellt keine Diagnosen und gibt keine Prognosen ab. Sie können den Antrags-Copilot 14 Tage kostenlos testen.

Häufige Fragen

Wie viele SORKC-Analysen gehören in den Bericht?

Eine feste Zahl gibt es nicht. Üblich ist, die Analyse auf wenige typische Problemsituationen zu beschränken, die das Störungsmodell tragen. Mehrere fast gleiche Analysen verlängern den Bericht, ohne ihn schlüssiger zu machen.

Was ist der Unterschied zwischen Mikro- und Makroebene?

Die Mikroebene beschreibt eine konkrete Situation mit Auslöser, Reaktion und Konsequenzen. Die Makroebene erklärt, wie das Problemverhalten über die Lebensgeschichte entstanden ist und was es heute aufrechterhält, etwa prädisponierende, auslösende und aufrechterhaltende Bedingungen.

Gilt das auch für Berichte an PKV oder Beihilfe?

Private Krankenversicherungen und Beihilfestellen legen Form und Gliederung ihrer Berichte selbst fest. Wo eine fachliche Begründung des Störungsmodells verlangt wird, lässt sich die Verhaltensanalyse in derselben Logik darstellen.

Kurz zusammengefasst

  • Mikroebene: eine konkrete Situation nach SORKC, Reaktion auf vier Ebenen, Konsequenzen kurz- und langfristig.
  • Makroebene: prädisponierende, auslösende und aufrechterhaltende Bedingungen.
  • Beide Ebenen zusammen bilden das funktionale Bedingungsmodell; daraus folgen Ziele und Methoden.
  • Datierte Belege aus der Akte machen die Analyse prüfbar.

Quellen

  • Kanfer, F. H. und Saslow, G.: Behavioral analysis. An alternative to diagnostic classification. Archives of General Psychiatry, 1965
  • Kassenärztliche Bundesvereinigung: Formular PTV 3 mit Leitfaden zur Erstellung des Berichts, aktuelle Fassung, kbv.de
  • Gemeinsamer Bundesausschuss: Psychotherapie-Richtlinie, aktuelle Fassung, g-ba.de